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Paradigmenwechsel in der Depressionsbehandlung

Menschen, die sich aufgrund von Depressionen behandeln lassen, leiden zuweilen unter der Therapie mehr als unter ihrer Krankheit: die Medikamente wirken entweder nicht oder entfalten unerträgliche Nebenwirkungen mit zusätzlichen negativen Folgen auf Berufs- und Privatleben. Man wird davon dick, müde, schwerfällig, stumpf, Sexualität und Kreativität sind ausgeschaltet und die soziale Funktionsfähigkeit leidet. Selbst die Mobilität ist eingeschränkt, da die meisten Antidepressiva den Aufklärungsvermerk “nicht fahrtüchtig” tragen. Auch die Psychotherapien, wenn sie denn überhaupt aufgrund der schweren Verfügbarkeit zustande kommen, bergen Risiken: Abhängigkeit vom Therapeuten, verringerte Handlungs- und Entscheidungskompetenz in Zeiten intensiverer Therapie, Verstärkung kindlicher Verhaltensweisen und schließlich Ausagieren von Konflikten im Privatleben (Scheitern von Ehen). Das sind die Gründe dafür, daß sich Patienten wie auch Therapeuten nichtmedikamentöse nebenwirkungsarme und zeitlich begrenzt anzuwendende Verfahren zur Depressionsbehandlung wünschen.

Paradigmenwechsel in der Depressionsbehandlung

Paradigmenwechsel in der Depressionsbehandlung

Man weiß, daß die konventionellen Verfahren, Psychotherapie und Psychopharmakotherapie, letztlich dadurch wirken, daß sie minderaktive Hirnregionen zu stimulieren und zu vermehrter Produktion von Hirnbotenstoffen anzuregen und sog. neuroplastische Veränderungen zu bewirken vermögen. Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit Gehirns, sich im Rahmen von Lernprozessen sowohl in seiner Struktur als auch seiner Funktion an die Bedürfnisse des Betroffenen anzupassen. Mit den modernen nichtinvasiven neurobiologischen Behandlungsverfahren rTMS (repetitive transkranielle Magnetstimulation und seine Unterform Thetaburst) und tDCS (transcranial direct current stimulation=transkranielle Gleichstromstimulation) wurde eine Technik entwickelt, den nachteilig wirksamen depressionsbedingten neuroplastischen Veränderungen zu Leibe zu rücken. Elektrophysiologische Untersuchungen beweisen zweifelsfrei, dass rTMS einen bahnenden Einfluss auf Informationsprozesse des zentralen Nervensystems hat undd damit verbunden auch zur Anreicherung von Hirnbotenstoffen führt.

Obgleich Deutschland gegenüber Ländern wie den USA diesbezüglich noch meilenweit hinterherhinkt (dort ist das Verfahren bereits seit 2008 zur Behandlung von therapieresistenten Depressionen zugelassen, über 300 Zentren sind auf rTMS spezialisiert), gibt es inzwischen auch hier spezialisierte ambulante Therapieeinrichtungen, die die neuen nichtinvasiven Neuromodulationsverfahren tDCS und rTMS erfolgreich einsetzen, bei der Behandlung von therapieresistenten Depressionen und chronischer Schmerzen. Sie sind dadurch für jedermann verfügbar geworden. Man muß nicht lange stationär an Universitätskliniken oder im Rahmen von Studien behandelt werden: es geht auch ambulant, ja sogar im Rahmen von 10-tägigen Urlauben.

Zum Verfahren selbst: bei der rTMS werden ultrakurze Magnetimpulse über eine handgroße Spule von außen an die linke Kopfseite (genauer: den linken DLPFC, den linken präfrontalen Cortex) abgegeben, die dann innerhalb des Schädels, in der Hirnrinde, sehr feine, nicht bewußt wahrnehmbare elek­trische Ströme auslösen. rTMS­-Stimulationen zeichnen sich durch kontinuier­liche Reizfolgen mit konstanter Wieder­holungsrate aus.

Eine andere Methode zum Erzeugen der erwähnten neuroplastischen Veränderungen im Gehirn ist die tDCS, die transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation). Auch mit dieser Methode stimuliert man bestimmte Hirnareale zu vermehrter Aktivität, nun aber mit Hilfe eines milden Gleichstroms, der über zwei an den Kopfhaut angelegte Schwamm-Elektroden verabreicht wird. Die Intensität dieses Gleichstroms liegt mit 1-2 mA gerade unterhalb der Grenze, ab der ein kontinuierliches Prickeln auf der Haut wahrgenommen wird.

Während rTMS vorwiegend durch das Auslösen von Nervenentladungen wirkt, depolarisiert (unter der Anode) oder hyperpolarisiert (unter der Kathode) tDCS die Nervenmembranen, die dadurch entweder erleichtert erregbar oder geheemmt werden.

Beide Verfahren sind geeignet, oberflächlich gelegene Hirnareale zu stimulieren. Durch spezielle radiologische Diagnostikverfahren (sog. PET-Untersuchungen) ließ sich nachweisen, daß sich neben der oberflächlichen Stimulation indirekt auch tiefer gelegene Gehirnstrukturen stimulieren lassen.

Insgesamt kann man davon ausgehen, daß die Depressionsbehandlung sich in einem Umdenkprozeß befindet und die Patientenfreundlichkeit und Alltagstauglichkeit durch Hinzufügen dieses Therapiebausteines zunehmen.

Therapeuten werden nicht darum herumkommen, sich mit Neuromodulationsverfahren auseinanderzusetzen. Diese Zukunft hat bereits begonnen.

Dr.med.Dipl.Biol.Peter Tamme
Die Schmerzpraxis
Heinrich-Böll-Str. 34
21335 Lüneburg
www.die-schmerzpraxis.de
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