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Zwangsstörungen, ein update

Zwangsstörungen sind weit verbreitet: immerhin 2-4 % aller Menschen sind im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Der Leidensdruck der Betroffenen wie auch des sozialen Umfeldes ist immens, gehören die Zwangsstörungen doch zu den zehn beeinträchtigensten Erkrankungen überhaupt. Häufig wird die Erstdiagnose nicht beim Psychiater gestellt, sondern bei Therapeuten, die wegen körperlicher Symptome, z.B. wegen chronischer Schmerzen, aufgesucht werden und bei denen sich im Rahmen der psychologischen Begleituntersuchung der Verdacht zeigt, daß ein normalerweise gut tolerierbarer Schmerz durch die zwanghafte Bearbeitung des Problemes in einem unerträglichen Zustand mündete. Der Schmerztherapeut Dr. Tamme aus Lüneburg berichtet darüber.

Wer sich diagnostische Klarheit verschaffen möchte, muß sich darauf einlassen können, gerade noch akzeptable (nichtkrankhafte) Normvarianten von krankheitswertigen Störungen zu unterscheiden und in einem zweiten Schritt die Zwangsstörung gegen ähnliche Krankheitsbilder abzugrenzen. Schließlich kommen drängende Gedankeninhalte und Handlungsrituale in abgeschwächter Form bei fast allen Menschen vor und wenn sie dann vermehrt intensiv und häufig auftreten, muß geprüft werden, ob es sich um eine eigenständige Krankheit oder die Symptome einer anderen Erkrankung handelt. Denn die internationalen Diagnosekriterien (ICD-10) besagen, daß die Diagnose einer Zwangsstörung nur dann vergeben werden darf, wenn andere psychische Erkrankungen ausgeschlossen wurden.

Zwangsstörungen, ein update

Zwangsstörungen, ein update

Noch normal oder schon krankhaft?

Die Frage, etwas ausführlicher gestellt: sprechen wir von Gewohnheiten, Vorstellungen, Ritualen, alltäglichen Befürch-tungen, Besorgtheit, besonderer Vorsicht oder bereits von Zwangs-gedanken oder Zwangshandlungen?

Antwort: maßgeblich für die Beantwortung dieser Frage ist immer das Kriterium der Beeinträchtigung, der Leidhaftigkeit, der Fre-quenz und der Intensität. Anmerkung: zu bedenken ist, daß laut einer Studie 80–90% der Befragten aus der Normalbevölkerung über Intrusionen (sich aufdrängende Gedanken) berichteten.

Abgrenzung gegen andere Erkrankungen

Zwangsstörungen unterliegen wie wenige andere psychische Erkrankungen einer hohen Fehldiagnoserate, da die differentialdiagnostische Abgrenzung zuweilen schwierig ist. Insbesondere folgende Erkrankungen müssen dabei berücksichtigt werden:

  • Anankastische Persönlichkeitsstörung
  • Depression
  • Generalisierte Angststörung
  • Phobien
  • Hypochondrie
  • Körperdysmorphe und Essstörungen
  • Impulskontrollstörung
  • Tic-Störungen- und Gilles-de-la-Tourette-Syndrom
  • Schizophrenie
  • Hirnorganische Ursachen

Symptome

Zwangsstörungen zeichnen sich dadurch aus, daß die Themen, um die Gedanken und Handlungen kreisen, sich unter den Zwangspatienten sehr stark ähneln:

Typische Themen von Zwangsgedanken sind:

  • Ansteckung (Kontaminationsbefürchtungen)
  • Vergiftung
  • Verschmutzung
  • Krankheit
  • Aggression
  • Streben nach Symmetrie und Ordnung
  • moralische Inhalte (Sexualität, Religion)
  • häufige Kombination mit kognitiver Vermeidung (z.B. Selbstberuhigung, Ablenkung, absichtliches Herbeiführen „guter“ Gedanken)

Typische Zwangshandlungen sind:

  • Wasch-, Reinigungs- und Putzzwänge
  • Kontroll- und Ordnungszwänge
  • Zählzwänge
  • Berührungszwänge
  • zwanghaftes Fragen (ob ein gefürchtetes Ereignis auch nicht eintreten wird)

Diagnostik

Wenn ich nun in Form eines Screenings überprüfen möchte, ob eine Zwangsstörung (bei mir selbst oder einem anderen) vorliegt, empfiehlt es sich, auf folgende Fragen zu antworten:

  • Waschen und putzen Sie sehr viel?
  • Kontrollieren Sie sehr viel?
  • Haben Sie quälende Gedanken, die Sie loswerden möchten, aber nicht können?
  • Brauchen Sie für Alltagstätigkeiten sehr lange?
  • Machen Sie sich Gedanken um Ordnung und Symmetrie?

Eine einzige Ja-Antwort in Verbindung mit subjektiver leidhaft empfundener Beeinträchtigung sollte weitere ärztliche Diagnostik auslösen.

Therapie

  • Störungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit dem zentralen Element der Reizkonfrontation und des Reaktionsmanagements ist die Methode der 1. Wahl
  • Acceptance and Committment Therapy
  • Pharmakotherapie: Antidepressiva der SSRI-Gruppe sollen als Monotherapie nur dann zum Einsatz kommen, wenn:
    1. kognitive Verhaltenstherapie abgelehnt wird oder wegen der Schwere der Symptomatik keine KVT durchgeführt werden kann,
    2. kognitive Verhaltenstherapie wegen langer Wartezeiten oder mangelnder Ressourcen nicht zur Verfügung steht oder
    3. damit die Bereitschaft des Patienten, sich auf weitere Therapiemaßnahmen (KVT) einzulassen, erhöht werden kann.

Dr.med.Dipl.Biol. Peter Tamme
Die Schmerzpraxis
Heinrich-Böll-Str. 34
21335 Lüneburg
www.die-schmerzpraxis.de